„Sag mal, wie ham se’nn eigentlich gespielt?“* oder: FSV Zwickau vs. BSG Chemie Leipzig

Endlich war es so weit: Zwickau! Das Highlight der Winterpause – womöglich der gesamten, noch jungen Vereinsgeschichte der Neuauflage des Leutzscher Kultvereins – stand bevor. Für die Fans beider Lager etwas ganz besonderes – wann bietet sich schon mal die Gelegenheit, dem zeitweise doch eher tristen Ligaalltag zu entfliehen und sich mit einem Gegner auf Augenhöhe zu messen? Die Vorfreude war groß, wie der Andrang auf die Kombitickets (Busfahrt + Eintritt + Tuch zur Vermeidung von Rauchvergiftungen; alternativ einsetzbar als Tischdecke, Lendenschurz oder Reinigungsfachfrauenkopfbedeckung) bewies. Mit von der Partie auch allerlei Menschlein, die man noch nie oder schon lange nicht mehr bei Schämie zu Gesicht bekam.

Ziemlich ansehnliche Spielankündigung

So startete der fünfbussige Konvoi zu – verglichen mit den üblichen Straßenbahnligagepflogenheiten – unchristlicher Zeit seine zweistündige Fahrt in die ehemalige Trabantenstadt Zwickau. Der für die Anreise des Autoren zuständige Busfahrer hieß (wie könnte es auch anders sein?) Uwe und hatte allerlei Mätzchen auf Lager:

„Und lasst mir die Sitze heile, einer kostet 2500€!“ oder: „Ich bitte euch, die Mülltüten nach der Ankunft in Connewitz zu entsorgen. Ihr könnt sie ja einfach irgendwo abstellen, das fällt dort eh nicht weiter auf!“ Anscheinend entwickelt man als Reisebusfahrer automatisch einen ganz eigenen Sinn für Humor. Nun ja, immernoch besser als die Berufssadisten der öffentlichen Nahverkehrsbetriebe, welche anscheinend kein größeres Vergnügen kennen als nach verzweifelten Sprints potentieller Mitfahrgäste genüßlich den Türverriegler zu betätigen und abzudampfen.

Nach gefühlten eintausendneunhundertvierundsechzig Pinkelpausen erreichte die chemische Horde die traditionsbehaftete Stätte des Spektakels, die altehrwürdige Zwickauer Südkampfbahn. An Ort und Stelle wurde der ca. 250 Menschen starke Haufen auch schon von einem zweiköpfigen Empfangskomitee der einheimischen Ultràgruppierung Red Kaos, maßgeblicher Garant für das Zustandekommen der Begegnung, empfangen. Artig wurde also ins Stadion gewatschelt, wo sich schon einige Zuschauer eingefunden hatten. Insgesamt dürften es dann um die 800 bis 900 gewesen sein. Positiv überrascht war man vom durch den „Roten Baum Zwickau“ (ein alternatives Jugendzentrum) angebotenen Cateringstand, der erstmal im allerbesten Kuttenstile in Beschlag genommen wurde. Das Bier mit liebevoller Eigenetikettierung wartete allerdings eher mit einem gewöhnungsbedürftigen Geschmack (ein Hoch auf den Euphemismus!) auf, aber man will ja nicht pingelig sein, gell?

Der Beweis dafür, dass gutes Aussehen nicht zwangsläufig guten Geschmack bedeuten muss.

Ein Extralob verdienen sich die Verantwortlichen für die Stadionmusik: Dritte Wahl und Rantanplan (u.a.) statt verdummendem 08/15-Gedöns, auch hier wurde der gesellschaftskritische Anspruch der Roten Chaoten (boah, klingt das nach BLÖD-Zeitung) deutlich, welchen selbige auch in ihrem Kurvenzine artikulierten. Solch stadionmusikalischen Hochgenuss kennt man sonst nur aus dem fernen Babelsberg! Dank eben erwähntem Fanorgan erfährt der geneigte Leser auch, dass es sich beim FSV Zwickau, seines Zeichens Nachfolger der Europapokalteilnehmerin BSG Sachsenring Zwickau, im Grunde genommen lediglich um einen stinknormalen Provinzverein handelte, bis der Heiland in Person von Red Kaos auf der Bildfläche erschien und alles zum Guten bewegte. Ach, so ist das also! Sehr aufschlussreich!

Schwere Ausschreitungen sowohl in der Heim- ...

Was nun folgte, ist recht schnell erzählt: Nach dem choreographisch inszenierten Intro verbrachten beide Fankurven die 90 Minuten und noch etwas mehr, indem sie ziemlich laut und auch ganz schön die Lieder, die ihnen die Bestimmer auf den Banden vorgaben, trällerten, wild umherhoppelten und mit den mitgebrachten, in mühevoller Eigenarbeit hergestellten Winkelementen herumfuchtelten. Wenn’s dann doch mal etwas ruhiger wurde, leuchteten flugs bengalische Lichter auf, Rauch nebelte den Block ein (danke für das Tuch nochmal!) und das ganze ging wieder von vorn los. Wer jetzt der Coolere war, wage ich nicht zu beurteilen. Sicherlich wäre dies von den Kriterien, die man zur Bewertung anlegt, abhängig. Was die Lautstärke betrifft, waren die Gäste zweifelsohne überlegen, dafür konnten die Sachsenringer in der Disziplin Seitwärtsweitsprung glänzen.

... als auch in der Gästekurve

Der Teil der die Zwickauer unterstützenden Dynamo-Dresden-Anhänger, für den diese Sorte sportlicher Aktivität ein bisschen zuviel des Guten war, verließ die „Curva Kaos“ und trug auf seine Art und Weise zu einem unterhaltsamen Fußballnachmittag für die gesamte Familie bei, indem sie einen der ihren für einen Akt des Exhibitionismus – genannt „Flitzer“ – auserkoren. Leider vergaß (^^) er in all der Aufregung, auf’s Abseits zu achten und wurde deshalb folgerichtig nicht angespielt. Alles in allem wohl eine gerechte Punkteteilung. Positiv zu vermerken: Auf gegenseitige Pöbeleien wurde verzichtet – die Liebe zum eigenen Verein stand im Vordergrund. An dieser Stelle Respekt für die längst überfällige Erkenntnis, dass es außer dem Dschungelcamp wohl nichts Sinnfreieres gibt, als an sich recht koschere Leute, mit denen man im Kindergarten bestimmt die eine oder andere Sandburg zusammen errichtet hätte und heute ruhig mal ein kühles Blondes schlürfen würde, aufgrund ihrer Vereinszugehörigkeit mit allerlei spannenden Schimpfwortkreationen zu belegen. Vielleicht setzt sich auch im Mikrokosmus “Ultrà” die Einsicht durch, dass Gewalt eigentlich gar nicht mal so geil, geschweige denn das Maß aller Dinge ist?! Am Ende beseitigten einige Greenpeace-Ultras noch die zahlreichen Überreste des Pyrofestivals, sodass sich der Haufen ruhigen Gewissens auf den mit zahllosen niedrigqualitativen Witzen – zumeist auf Kosten eines hier nicht näher beschriebenen Mitinsassen namens „Schnubelhuber“ – garnierten Heimweg machte. Unterwegs erblickte man noch zahlreiche Eisenbahner, die leider den Derbysieg erringen konnten.

Diesen Bus anzugreifen überlegt sich wohl jeder zweimal!

So, hab ich noch was vergessen? Achja! Da war ja was! Ist allerdings zugegeben nur ein kleines, unwichtiges Detail. Wen von euch neugierigen Naseweise es dennoch interessiert, der schaut nachher oder morgen (oder halt dann, wie man so schön sagt, wenn’s fertig ist) hier rein.

*Standardfrage vieler Angehöriger der aktiven Fanszene nach dem Spiel
Fotoquelle: DEFENS’ Fotogalerie

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8 Antworten zu „Sag mal, wie ham se’nn eigentlich gespielt?“* oder: FSV Zwickau vs. BSG Chemie Leipzig

  1. ichmalwieder schreibt:

    kann man im großen und ganzen so unterschreiben.

    P.S zum Lendenschurz taucht “Tuch zur Vermeidung von Rauchvergiftungen” allerdings nicht-guckt immer was unten raus ;)

  2. machem64 schreibt:

    du hast vergessen zu erwähnen das uwe seinen busführerschein erst seit zwei tagen besessen hat :)

  3. Baumhaus Zwickau schreibt:

    Danke für die Lobpreisung der Veggieburger! So stand Mutti immerhin nicht umsonst seit sechs Uhr morgens in der Küche! Liebe Grüße!
    PS: Besagtes Alternatives Zentrum gilt es übrigens erst noch zu errichten!

  4. Unwichtig schreibt:

    Hehe den Führerschein erst seit Freitag..

    Guter Bericht soweit, war ein schöner Tag, Grüße nach Zwickau!

  5. Pingback: Review: Es geht voran! Wochenende im Zeichen alternativer Freiräume. | Stadtgorilla

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