Kickers 94 Markkleeberg II vs. BSG Chemie Leipzig

Es gibt Momente im Werdegang eines Vereins, welchen mit Fug und Recht das Prädikat “Meilenstein” verliehen werden darf. Auszeichnungen wie diese bedürfen natürlich wohlbedachten Einsatzes und dennoch, was sich am vergangenen Sonntag – nach Angaben des Gastgebers – 850 Zuschauern im Sportpark “Camillo Ugi” erbot, war einfach magisch. An dieser Stelle entschuldige ich mich schon einmal, sollte dem nachfolgenden Bericht vor lauter Enthusiasmus ein wenig die Objektivität abhanden gekommen sein. Wer das Glück hatte, dabei gewesen zu sein, wird es mir hoffentlich nachsehen.

Von vorn: Seit Wochen fieberten die Fans der BSG Chemie dem – in vielerlei Hinsicht – absoluten Topspiel der regulären Saison entgegen. Es galt, den Hauptkontrahenten im Kampf um den Aufstieg in die zukünftige Stadtliga, den Kickers aus Markkleeberg, 1994 aus dem Konkurs gegangenen Nachwendeverein 1. FC Markkleeberg entstanden, die Tabellenführung abspenstig zu machen. Das ganze würde kein Selbstläufer werden, dessen war sich ein jeder bewusst, schließlich trotzten die Randleipziger den Leutzschern im Hinspiel ein beachtliches 0:0 ab und sorgten damit für zwei von insgesamt nur vier verlustig gegangenen Punkten auf dem Konto der BSG. Der sportliche Reiz der Partie war also zweifelsohne gegeben, nun oblag es den Akteuren auf und neben dem Platz, der hohen Erwartungshaltung gerecht zu werden. Die Anhänger der Leutzscher ließen sich nicht zweimal bitten, machten per Straßenkunst und Video mobil und waren dabei sehr erfolgreich, denn zur Mittagszeit fanden sich ca. 300 Chemiefans am Connewitzer Kreuz ein und brachten tatsächlich das Kunststück fertig, eine einzige (!) Straßenbahn zu besetzen. Der Fahrer zeigte sich not amused und rächte sich mit ebenso wilden wie unvorhersehbaren Bremseinlagen.

Auf dem Marsch zur Spielstätte machten einige Spaßvögel dem ausgerufenen Motto (“Am 03.04. platzt die Bombe!”) alle Ehre und hauchten dem wie leergefegten Markkleeberg ein bisschen Leben ein. Nach 20 Minuten Fußweg war man auch schon am bisher wohl attraktivsten Ground angekommen, den der geneigte Chemiefan nach der Trennung vom FC Sachsen betreten durfte – dem nach VfB-Leipzig-Legende benannten “Camillo Ugi”-Sportpark. Zumindest fragwürdig bleibt, ob ausgerechnet bei so ausgezeichneten Gastgebern das Credo “Wir bezahlen nie – BSG Chemie” beherzigt werden muss. Allerdings dürfte das fantastische Frühlingswetter mit Temperaturen von über 21°C im Schatten für ordentlich klirrende Bierkassen gesorgt haben – was für eine Affenhitze! Ergo musste auch nicht lange überlegt werden, welche Stadionseite in Beschlag genommen werden würde. Auf der gegenüberliegenden Seite erstreckte sich eine herrliche kleine überdachte Tribüne, die die Wirkung eines Geräuschmultiplikators erzielte und den nicht gerade Maracana-verwöhnten Chemiefan in Entzücken versetzte.

Der Meistertrainer in spe: General Radi

Vierzig schier endlose Minuten später war es dann endlich so weit, die Gladiatoren betraten unter tosendem Jubel und Schlachtgesängen die Arena (gut, die Quellen über Pyrotechnik* im antiken Collosseum sowie das Abspielen des Liedes aus dem japanischen Anime “Die Kickers” sind dagegen eher spärlich), nahmen Aufstellung und stürzten sich ins Getümmel.

Verstärkte Rauchzeichen aus dem Auswärtsblock

Der beidseitige Respekt vor dem Gegner war deutlich spürbar, denn beide Teams agierten zunächst aus einer kontrollierten Defensive. Zuerst Blanc und anschließend Schlüchtermann wurden per Pass in den Raum sehenswert in Szene gesetzt, doch die wehende Abseitsfahne machte den beiden in ihrem Bemühen um weitere Torannäherung einen Strich durch die Rechnung. In der 14. Spielminute dann Schrecksekunde für Chemie: Christian Feyers Freistoß trudelte aus Halbdistanz an Freund (Mitspieler) und Feind (Verteidiger sowie ein verdutzter René Karmin) vorbei in die Maschen – 1:0 für die Kickers! War aber auch ein fieses Ding, denn der Torhüter muss schließlich auf eine Ballberührung und den damit einhergehenden Richtungswechsel spekulieren, welche aber nicht eintrat. Auf ähnliche Art und Weise fiel auch das finale 2:3 im Freundschaftsspiel gegen die Oberligamannschaft des FSV Zwickau. Sei’s drum – die Kurve zeigte genau die richtige Reaktion: Noch intensivere Anfeuerung der Spieler in grün-weiß als bisher. Auch die Mannschaft wollte den Rückstand nicht lange auf sich sitzen lassen.

Gesunde Zweikampfhärte

Immer solider das Zweikampfverhalten, nur das sonst oftmals gut praktizierte Kurzpassspiel wurde durch widrige Platzverhältnisse erschwert. Eben jene wussten die Leutzscher jedoch schon bald für sich zu nutzen, indem man den Heimkeeper, der obendrein das Vergnügen hatte, gegen die Sonne spielen zu müssen, verstärkt durch Distanzschüsse unter Druck setzte. Die ersten verheißungsvollen Versuche waren noch nicht von Erfolg gekrönt, doch zum bestmöglichen Zeitpunkt – zwei Minuten vor dem Pausenbier – stand unser Schlüchti goldrichtig und verwandelte einen Abpraller zum wichtigen Ausgleichstreffer.

Zeigt her eure Jäckchen, zeigt her eure Schals!

Frohen Mutes begaben sich die Spieler in die wohlverdiente Halbzeitpause und die Anhängerschar ihrerseits zum kleinen, aber feinen Stadioncatering. Sehr erfreulich, dass sich neben den ca. 500 Fans und Ultras auf der Tribüne weitere 300 Zuschauer auf der (übrigens grandiosen) Gegengeraden eingefunden haben und somit nicht nur zu einer tollen Kulisse beitrugen, sondern teilweise auch deutliche Sympathien für die Mannen mit dem Fünfeck auf der Brust erkennen ließen und die Mannschaft individuell anfeuerten. Vielleicht darf man den einen oder anderen ja zukünftig auch an der Merseburger Straße begrüßen. Beim nächsten Mal ist definitiv mal ein Wechselgesang fällig!

Viel zu schnell angesichts der langen Schlange vor den Versorgungswägelchen betraten beide Mannschaften, angeführt vom zwar eher kleinlich, dafür aber konsequent und umsichtig leitenden Schiedsrichterkollektiv, die Manege und setzten die weiterhin von großem Einsatz geprägte Begegnung fort. Die erste aussichtsreiche Chance hatten die Gäste: Nachdem Kickers-Goalie Markus (danke, User “Spaetschicht”!) zunächst gut mitspielte und gerade rechtzeitig vor dem anstürmenden Schlüchtermann zum Einwurf klärte, segelte dessen anschließende herrliche Flanke nur knapp über Blancs Kopf. Markus war kurze Zeit später erneut geprüft, als er einen Schuss aus 17 Metern zur Ecke abwehren musste. Doch auch Markkleebergs Offensive meldete sich bald zurück ins Spiel. Eine flache Hereingabe von der Grundlinie verfehlte nur um Haaresbreite den Adressaten – Glück für den (Noch-)Tabellenzweiten! Das war es dann aber auch schon mit der Markkleeberger Herrlichkeit, weitere Akzente konnten die Blauen nicht mehr setzen. Ganz anders die Chemiker: Erst konnte ein Kickers-Defender einen Ball gerade so über die Querlatte zur Ecke klären…

... den hatten viele schon drin gesehen!

In der 60. Minute jedoch setzte sich Marco Blanc nach schönem Doppelpass mit Khokerashvili stark durch und hielt aus 19 Metern einfach mal drauf – der Mut wurde belohnt, denn die Kugel setzte exakt vor dem bereits untergetauchten Torhüter auf und sprang über ihn ins Tor. Footballcomedy at its best – der rechte Torpfosten, malträtiert von des Schlussmannes Stollen, dagegen der Leidtragende! Riesenjubel im “Gästeblock” und auch bei den neutralen bis wohlgesonnenen Zuschauern auf der Gegengeraden. Spätestens jetzt waren alle Zweifel, ob die BSG auch heute die drei Punkte mit nach Hause nehmen würde, ausgeräumt.

So muss dat!

Doch wer nun tatsächlich dachte, Leutzsch würde fortan das Ergebnis verwalten oder gar noch einmal in die Bredouille geraten, sah sich schwer getäuscht. Zwölf Minuten nach dem Führungstreffer gelang es der Kickers-Verteidigung nicht, einen Eckball aus der Gefahrenzone zu befördern, die aufgerückte BSG-Abwehr fing den Ball ab, Christopher Resch schaute auf und spielte das Leder diagonal gen Sechzehner, wo bereits Schlüchtermann auf einen Fehler der Markkleeberger Hintermannschaft lauerte; mit Erfolg, denn sein Bewacher verschätzte sich völlig und musste zusehen, wie Chemies Spieler mit der Nr. 3 die Kugel technisch sauber annahm, den bemitleidenswerten Markus im Tor ausspielte und zum alles entscheidenden 1:3 einschob. Finito! Zwar gab es noch die eine oder andere gute Möglichkeit, den Sieg noch höher ausfallen zu lassen, doch ihr müsst mir jetzt einfach mal nachsehen, dass mir die Pfoten weh tun. Und wozu gibt es schließlich Vitlafits phänomenales Video?!

Der Schiedsrichter beendete pünktlich eine gutklassige Partie mit einem hochverdienten Sieger, aber auch fairen, sympathischen Verlierern, deswegen ging mir der bekannte Schmähruf auch stets mit einem Lächeln über die Lippen ; ) Die Mannschaft, welche ganz anders auftrat als noch vor ein paar Wochen, ließ sich zurecht von ihren Fans feiern und so fand ein wahrhaft glorreicher Fußballnachmittag mal wieder sein Ende.

So ein Zaun ist schon was feines...

Vielleicht noch eine paar kurze Worte zum Support, der seinen Namen heute voll und ganz verdiente: Man merkt, sobald es sportlich um etwas geht, sind die Leute viel emotionaler bei der Sache und werden tatsächlich zur Einheit mit den Spielern auf dem Feld. Deshalb ist das Spiel gegen die Kickers-Reserve in meiner Skala viel höher angesiedelt als der Test gegen die Jungs aus der Trabbistadt. Danke an alle Beteiligten, insbesondere an die Gastgeber mit ihrem schmucken Stadion! Bis neulich auf dem 99er!

Strahlende Gesichter bei strahlendem Sonnenschein - was will Chemiker mehr?

Chemie, Chemie, nur noch Chemie!

Vitlafits Video (ein Support-Only-Video gibt’s in seinem YouTube-Channel):

*Der Problemfan, welcher zu Spielbeginn die Gegengerade einnebelte und sich auch für die schicken Fotos verantwortlich zeichnet, ist dem Autor bekannt.

Quelle und Hort vieler weiterer Bilder: Fotopage der BSG Chemie Leipzig

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10 Antworten zu Kickers 94 Markkleeberg II vs. BSG Chemie Leipzig

  1. Leischa schreibt:

    Danke für Deinen tollen Bericht. Er gibt das Spiel und das Drumherum sehr gut wieder!

    Leischa

  2. Pete schreibt:

    Yeah, cooler Bericht. Da macht das Lesen spaß!

  3. DerWaan schreibt:

    ;-)

    ..sehr geil geschrieben! ..beim Lesen bekommt man abermals Gänsehaut. Es war der Wahnsinn! ..deine Berichte sind Chemie – wir seh’n uns..

  4. ChristianS schreibt:

    Schöner Bericht, wirklich, das lässt einen den Tag direkt noch einmal durchleben. Den Namen des Torhüters von Markkleeberg kann ich leider nicht liefern, aber die Liga, in die Chemie aufsteigt, wird nach momentaner Planung doch nicht !Stadtklasse”, sondern “Stadtliga” heißen (die darüber dann “Stadtoberliga”). ;)

  5. Sündenbock03 schreibt:

    Danke für deinen Hinweis, Christian. Bilder der Spielszenen werden selbstverständlich integiert, sobald sie zur Verfügung stehen. Die Mannschaft trug nämlich mit ihrem couragierten Einsatz einmal mehr zu einem gelungenen Spektakel insgesamt bei.

  6. Lars aus Passau schreibt:

    Schicker Bericht!

  7. Spaetschicht schreibt:

    Hallo Sündenbock03,

    erstma Respekt und Anerkennung für den guten Bericht, gute Arbeit! Ich kann dir den Namen des Torhüters aus Markkleeberg liefern… Markus heißt er. Aber trotzdem ein sehr sehr guter Bericht.

  8. Ich bins wieder schreibt:

    Wie immer sehr gut beschrieben. Auch ich sehe die Wertigkeit des Spieles bei den Kickers noch über dem Auftritt in Zwickau angesiedelt.
    Heute hatte uns ja dann der Ligaalltag wieder und sich die Zuschauerzahl wieder mehr als halbiert.

  9. Ich bins wieder schreibt:

    P.S aktualisiere bitte mal Deine Spielankündigungen hier im Blog. Die “nächsten Spiele” sind da noch vom 6./7. November 2010
    ;)

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